Kultur Erklärt

Cyanotypie: Wie Licht ein blaues Bild hinterlässt

Zwei Lösungen, Papier und Sonnenlicht: Die Cyanotypie macht sichtbar, was Licht an einer Oberfläche verändert. Ein Blick auf ein altes Verfahren.

Eine tiefblaue Fläche mit weißen Blatt- und Stängelformen liegt auf einem Tisch, daneben steht ein angelaufener Messinggegenstand.
Bild © Lautglanz
Rubrik Kultur · Erklärt

Die Cyanotypie ist eines der wenigen Bildverfahren, bei dem man beim Entstehen zusehen kann. Man streicht Papier mit zwei Lösungen, legt etwas darauf, trägt das Ganze nach draußen und wartet. Danach wäscht man es aus. Was übrig bleibt, ist blau, und alles, was im Licht lag, ist heller geworden.

Das Verfahren ist alt, es braucht keine Dunkelkammer und keinen Vergrößerer, und es produziert in einem Durchgang ein Unikat. Das erklärt, weshalb es in Werkstätten und Schulen bis heute verwendet wird.

Zwei Lösungen, ein Papier

Eine Anleitung des GRASSI Museums für Angewandte Kunst in Leipzig beschreibt die beiden Bestandteile: Ammoniumeisen(III)-citrat und Kaliumhexacyanoferrat(III). Beide sind in Wasser gelöst und werden zu gleichen Teilen gemischt. Die Mischung ist lichtempfindlich und wird im Raum bei gedämpftem Licht auf ein Papier gestrichen.

Die lichtempfindliche Schicht entsteht also nicht im Papier, sondern auf ihm. Das Papier ist Träger und wird nicht verändert. Genau deshalb funktioniert das Verfahren auch auf Stoff und auf anderen saugfähigen Materialien.

Was das Licht macht

Die Wirkung beruht auf einer Reduktion. Wo Licht auf die Schicht trifft, wird das Eisen(III)-citrat zu Eisen(II)-citrat reduziert. Diese reduzierte Verbindung reagiert anschließend mit dem Kaliumhexacyanoferrat zu einem Komplex, der tiefblau ist und sich im Papier nicht mehr löst. Man nennt ihn Berliner Blau.

Wo kein Licht hinkommt, bleibt die Schicht unverändert. Sie lässt sich später auswaschen, weil die Ausgangsstoffe wasserlöslich sind. Deshalb ist der Ablauf zweistufig: erst belichten, dann wässern.

Und deshalb ist die Cyanotypie ein Negativverfahren. Was im Licht lag, wird blau. Was abgedeckt war, wird hell. Legt man ein Blatt auf, entsteht eine blaue Fläche mit dem hellen Umriss des Blattes darin.

Wie lange, wie stark

Die Belichtungszeit lässt sich nicht allgemein angeben. Sie hängt von der Stärke des Lichts, der Konzentration der Lösung und der Saugfähigkeit des Papiers ab. An einem sonnigen Tag kann sie wenige Minuten betragen, an einem bedeckten Tag deutlich länger. Die Anleitung des Museums empfiehlt deshalb, mit einem Probestreifen zu arbeiten, und das ist die einzige verlässliche Methode.

Sichtbar wird das Ergebnis in zwei Stufen. Nach der Belichtung ist das Bild schwach und grünlich. Erst beim Wässern verschwinden die nicht belichteten Anteile, und das Blau tritt hervor. Wer zu früh aufhört zu wässern, behält einen Gelbstich. Wer zu lange wässert, verliert nichts außer Zeit.

Was das Verfahren zeigt

Die Cyanotypie macht einen Zusammenhang sichtbar, der sonst abstrakt bleibt: Licht verändert Material. Nicht als Metapher, sondern als chemische Reaktion, die man nach dreißig Minuten in der Hand hält.

Sie zeigt außerdem, was ein Umriss ist. Ein Blatt auf lichtempfindlichem Papier hinterlässt keine Zeichnung, sondern eine Abwesenheit. Die Form entsteht dort, wo das Licht nicht hinkam. Das ist eine andere Art von Bild als eine Fotografie, bei der Licht eine Oberfläche abbildet.

Historisch wurde das Verfahren im 19. Jahrhundert unter anderem zur Vervielfältigung technischer Zeichnungen verwendet, weshalb die blaue Pause ihren Namen trägt. Die künstlerische Nutzung kam später und ist bis heute die bekanntere.

Sicherheit und Grenzen

Chemikalien bleiben Chemikalien, auch wenn das Verfahren einfach aussieht. Die Anleitung des Museums enthält einen Sicherheitshinweis, und der gehört gelesen, bevor der erste Pinsel im Einsatz ist. Die Lösungen gehören nicht in die Hände von Kindern, nicht in den Mund und nicht in den Abfluss. Handschuhe und ein belüfteter Raum sind keine Übertreibung.

Die fertigen Blätter sind dagegen unproblematisch, sofern sie gründlich gewässert wurden. Sie sind lichtbeständig, aber sie sind keine Dokumente. Ein Blaudruck hält lange, wenn er nicht in direktem Sonnenlicht liegt.

Ein Bild, das kein Beweis ist

Die Illustration zu diesem Beitrag ist eine konzeptuelle Arbeit im Stil eines Blaudrucks. Sie ist kein tatsächlich belichtetes Ergebnis und belegt nichts über Konzentrationen, Zeiten oder Farbtöne. Wer das Verfahren ausprobieren möchte, arbeitet mit einer Anleitung einer Fachstelle. Die des GRASSI Museums ist dreiseitig, deutsch und für den Einstieg ausreichend.

Die Werkstatt-Ergebnisse des Museums sind als Galerie dokumentiert und zeigen, wie unterschiedlich Blaudrucke ausfallen können. Diese Galerie enthält keine Erläuterung des Ablaufs und wird hier deshalb nur als Beispielsammlung genannt, nicht als Anleitung.

Quellen und Hinweise

  • GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig: Mach' mal blau – Die Technik der Cyanotypie, dreiseitige Anleitung. Trägt die beiden Chemikalien, den Arbeitsablauf mit Belichten und Wässern sowie den Sicherheitshinweis. Kein Datum im PDF.
  • GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig: Cyanotypie. Galerie der Werkstatt-Ergebnisse ohne erklärenden Text. Belegt, dass das Museum Kurse durchgeführt hat, und trägt keine Prozessangaben.
  • Die historische Einordnung als Vervielfältigungsverfahren ist allgemeiner Fachstand und wird hier ohne Einzelbeleg genannt. Die chemische Erklärung ist vereinfacht dargestellt; für die Praxis gilt die Anleitung der Fachstelle.
  • Die Illustration dieses Beitrags ist eine konzeptuelle Arbeit und kein belichtetes Ergebnis.