Kultur Bildstrecke

Ein Bild, zwei Ausschnitte: Was der Rand verändert

Derselbe Raum, zwei Bildränder, zwei Geschichten. Eine Bildstrecke zeigt an einem einzigen Bild, wie stark der Ausschnitt die Aussage verschiebt.

Ein roter Stuhl, ein durchsichtiges Gefäß und ein kleiner blauer Gegenstand stehen weit voneinander entfernt in einem leeren Raum.
Bild © Lautglanz
Rubrik Kultur · Bildstrecke

Ein Foto entsteht nicht im Moment der Aufnahme. Es entsteht in dem Moment, in dem jemand entscheidet, wo der Rahmen sitzt. Alles, was innerhalb liegt, wird zum Bild. Alles außerhalb existiert weiter, aber nicht mehr für die Betrachtenden.

Diese Entscheidung ist so folgenreich und so unsichtbar wie kaum eine andere in der Fotografie. Sie lässt sich aber an einem einzigen Bild vorführen, wenn man den Rahmen verschiebt und sonst nichts verändert.

Was der Rahmen tut

Der Rahmen legt vier Dinge fest.

Er bestimmt das Zentrum. Was in der Mitte steht, wird für wichtig gehalten, unabhängig davon, was es ist. Ein Bindfaden in der Bildmitte wirkt bedeutender als ein Gesicht am Rand.

Er bestimmt die Menge. Ein weiter Ausschnitt zeigt Zusammenhang, ein enger zeigt Detail. Beides kann richtig sein, aber die Aussage ist nicht dieselbe.

Er bestimmt die Beziehung. Zwei Gegenstände im selben Bild stehen zueinander in Verbindung, auch wenn sie nichts miteinander zu tun haben. Die Nähe im Bild erzeugt eine Bedeutung, die es in der Wirklichkeit nicht gibt.

Er bestimmt die Grenze. Ein angeschnittenes Objekt wirkt anders als ein vollständiges. Der Schnitt kann beiläufig wirken oder gewaltsam, je nachdem, wie viel vom Gegenstand übrig bleibt.

Ein Bild, zwei Ausschnitte

Die Bilder in diesem Beitrag stammen aus einer einzigen Aufnahme. Es ist eine gestaltete Szene mit drei Gegenständen, die weit voneinander entfernt stehen: links ein roter Stuhl, in der Mitte rechts ein durchsichtiges Gefäß, am rechten Rand ein kleiner blauer Gegenstand.

Die Ausschnitte darunter zeigen dieselbe Datei in unterschiedlichen Rändern. Es wurde nichts neu erzeugt, nichts hinzugefügt und nichts entfernt. Genau das ist der Punkt. Wenn man für jeden Ausschnitt ein neues Bild erzeugen würde, würde man verschiedene Bilder vergleichen und nicht verschiedene Rahmen.

Ausschnitt wählen
Gestaltete Szene mit rotem Stuhl, durchsichtigem Gefäß und kleinem blauem Gegenstand, hier im weiter ausschnitt.

Weiter Ausschnitt: Alle drei Gegenstände sind zu sehen, dazu viel leerer Raum. Der Stuhl wirkt wie ein Möbelstück in einem Zimmer, die anderen Dinge wie Beiwerk.

  • Weiter Ausschnitt derselben Aufnahme: gestaltete Szene mit rotem Stuhl, durchsichtigem Gefäß und kleinem blauem Gegenstand.
    Weiter Ausschnitt. Alle drei Gegenstände sind zu sehen, dazu viel leerer Raum. Der Stuhl wirkt wie ein Möbelstück in einem Zimmer, die anderen Dinge wie Beiwerk.
  • Mittlerer Ausschnitt derselben Aufnahme: gestaltete Szene mit rotem Stuhl, durchsichtigem Gefäß und kleinem blauem Gegenstand.
    Mittlerer Ausschnitt. Stuhl und Gefäß stehen nahe beieinander. An der Szene hat sich nichts geändert, aber die Leere zwischen ihnen ist zu einem Abstand geworden, der etwas bedeutet. Der blaue Gegenstand ist aus dem Bild gefallen.
  • Enger Ausschnitt derselben Aufnahme: gestaltete Szene mit rotem Stuhl, durchsichtigem Gefäß und kleinem blauem Gegenstand.
    Enger Ausschnitt. Nur noch das Gefäß ist zu sehen. Es ist jetzt das Motiv. Der Stuhl, wenige Meter entfernt, existiert im Bild nicht mehr.

Umschalten zwischen drei Ausschnitten derselben Aufnahme. Die Beschreibung unter dem Bild nennt für jeden Ausschnitt, was zu sehen ist.

Die drei Ausschnitte in Worten:

  • Der weite Ausschnitt zeigt alle drei Gegenstände und viel leeren Raum. Der Stuhl ist ein Möbelstück in einem Zimmer. Die anderen Dinge sind Beiwerk.
  • Der mittlere Ausschnitt rückt Stuhl und Gefäß zusammen. Sie stehen jetzt in einer Beziehung, obwohl sich an der Szene nichts geändert hat. Die Leere zwischen ihnen ist zu einem Abstand geworden, der etwas bedeutet.
  • Der enge Ausschnitt zeigt nur das Gefäß. Es ist jetzt das Motiv. Der Stuhl, wenige Meter entfernt, existiert nicht mehr.

Das ist keine Täuschung. Es ist die normale Arbeitsweise jeder Kamera. Verblüffend ist nur, wie stark der Unterschied ausfällt, wenn man die Varianten nebeneinander sieht.

Warum das auch bei Film gilt

Die Begriffe für diese Entscheidungen kommen aus der Filmarbeit, und dort sind sie seit Jahrzehnten systematisiert. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt in ihrem Beitrag Kamera/Licht – Das objektive Auge Einstellungsgrößen, Bildausschnitt und Kameraperspektive als eigene Gestaltungsmittel. Der Text ist von 2011 und behandelt den Film. Die Grundprinzipien sind dieselben, die auch bei einer einzelnen Fotografie wirken: Eine Einstellung ist eine Entscheidung über Nähe, und Nähe erzeugt Bedeutung.

Wer die Begriffe kennt, muss sie nicht verwenden. Es hilft aber, sie zu kennen, wenn jemand erklärt, warum eine Szene im Film bedrohlich wirkt, obwohl nichts Bedrohliches zu sehen ist.

Was man selbst ausprobieren kann

Die Übung braucht keine Ausrüstung. Ein Bild, ein Bildbearbeitungsprogramm mit Zuschnittfunktion und fünf Minuten genügen.

Man legt den Zuschnitt so, dass ein Gegenstand am Rand liegt. Dann verschiebt man den Rahmen, bis derselbe Gegenstand in der Mitte sitzt. Dann verkleinert man den Rahmen, bis nur noch ein Detail übrig bleibt. Die drei Varianten legt man nebeneinander und beschreibt, was sich geändert hat.

Der interessante Teil kommt zum Schluss. Man versucht zu benennen, welche der drei Varianten die Szene am ehrlichsten zeigt. Die Antwort ist meist unangenehm, weil keine von ihnen ehrlicher ist als die anderen. Der Rahmen ist immer eine Setzung, auch wenn er weit ist.

Die Grenze des Verfahrens

Die Gegenüberstellung zeigt etwas über den Rahmen und nichts über die Wirklichkeit der Szene. Die gestaltete Aufnahme dieses Beitrags ist kein Dokument und belegt nichts über den Raum, in dem sie entstanden ist. Sie ist konstruiert, um einen Unterschied sichtbar zu machen. Wer wissen möchte, wie ein bestimmter Ort aussieht, braucht ein anderes Bild als dieses.

Quellen und Hinweise

  • Bundeszentrale für politische Bildung: Kamera/Licht – Das objektive Auge, 1. Juni 2011. Trägt Einstellungsgröße, Bildausschnitt und Perspektive als Gestaltungsmittel. Der Text behandelt den Film und ist nicht aktuell, deshalb wird er hier nur für die gemeinsamen Grundprinzipien herangezogen.
  • Die Szene und alle Ausschnitte stammen aus einer einzigen erzeugten Aufnahme. Es wurden keine zusätzlichen Varianten generiert, weil das den Vergleich ungültig machen würde.
  • Die Bildunterschriften nennen die jeweilige Entscheidung. Eine Beschreibung der Ausschnitte in Worten steht zusätzlich im Text, damit die Gegenüberstellung nicht allein von den Bildern abhängt.