Morgen Erklärt
Schwammstadt: Wohin mit dem Regen?
Eine klimaresiliente Stadt lässt Regen nicht einfach so schnell wie möglich verschwinden. Sie hält Wasser zurück, speichert es, lässt es versickern oder nutzt es später.

Nach einem kräftigen Regen sieht eine Straße zuerst glänzend aus. Dann beginnt das Wasser, an den tiefsten Stellen einen Weg zu suchen. Eine Schwammstadt versucht, ihm dabei mehr Möglichkeiten zu geben als den direkten Weg in den Kanal. Wasser kann in Mulden und Böden zurückgehalten, gespeichert, versickert oder später für Pflanzen genutzt werden. Das ist kein einzelnes Möbelstück und keine magische Oberfläche. Es ist eine Folge von Entscheidungen an Dächern, Wegen, Bäumen und Freiflächen. Ob sie funktioniert, hängt vom Boden, der Pflege und dem Platz ab. Der Regen bleibt derselbe. Die Stadt entscheidet, wie viel Zeit sie ihm gibt.
Wasser nicht sofort wegschicken
Die klassische Stadtentwässerung arbeitet nach einem einfachen Prinzip: Regen soll so schnell wie möglich verschwinden. Kanäle, Rinnen und Rohre führen das Wasser aus der Stadt heraus. Dieses Prinzip hat eine Stärke und eine Schwäche, und beide hängen zusammen.
Die Stärke ist die Zuverlässigkeit bei normalem Regen. Die Schwäche zeigt sich bei Starkregen. Wenn in kurzer Zeit sehr viel Wasser fällt, sind die Kanäle voll, und das Wasser sucht sich einen anderen Weg. Es läuft in Keller, über Straßen und in die Flüsse, und zwar unkontrolliert.
Dazu kommt der zweite Teil des Problems. In trockenen Wochen fehlt genau das Wasser, das bei Regen abgeführt wurde. Bäume und Böden trocknen aus, weil die Stadt es versäumt hat, einen Teil des Regens zu behalten. Die Schwammstadt ist der Versuch, beides gleichzeitig zu lösen: Wasser nicht sofort wegzuschicken, sondern es dort zu behalten, wo es gebraucht wird.
Nehmen, speichern, verzögert abgeben
Was passiert, wenn Wasser in der Stadt bleibt? Das Umweltbundesamt beschreibt das Schwammstadt-Prinzip als Konzept für klimaresiliente und lebenswerte Städte. Nach der Darstellung des Umweltbundesamts geht es darum, überschüssiges Wasser aufzunehmen, es wie ein Schwamm zu speichern und später durch Verdunstung, Versickerung oder Wiedernutzung verzögert wieder abzugeben.
Das ist die genaueste Formulierung, die sich aus dieser Quelle ableiten lässt, und sie ist wichtiger, als sie klingt. Drei Wege werden unterschieden, und sie haben verschiedene Wirkungen.
Verdunstung. Wasser verdunstet an der Oberfläche und kühlt dabei die Umgebung. Der Effekt ist lokal, er endet, wenn das Wasser verdunstet ist, und er lässt sich nicht als dauerhafte Kühlleistung planen.
Versickerung. Wasser geht in den Boden und gelangt ins Grundwasser. Das funktioniert nur, wo der Boden durchlässig genug ist und wo keine Schadstoffe mitgenommen werden. Über einer versiegelten Fläche oder einem belasteten Boden ist Versickerung keine Option.
Wiedernutzung. Wasser wird aufgefangen und später verwendet, etwa für die Bewässerung von Pflanzen. Das ist die aufwendigste Variante, weil sie Speicher, Leitungen und eine Betriebsorganisation braucht.
Das Umweltbundesamt verwendet in dieser Beschreibung nicht das Wort „zurückhalten". Diesen Begriff benutzt dieser Beitrag dort, wo er die eigene Zusammenfassung beschreibt, und nicht als Zitat einer Behörde.
Wo Regenwasser bleiben kann
- Dach Ein begrüntes Dach nimmt einen Teil des Regens auf und verdunstet ihn wieder.
- Mulde Eine bepflanzte Vertiefung sammelt Wasser und lässt es langsam versickern.
- Baumstandort Eine größere offene Fläche versorgt den Baum und entlastet den Kanal.
- Boden Was nicht verdunstet oder versickert, kann verzögert abgegeben oder später genutzt werden.
Wo das Wasser bleiben kann

Vier Orte kommen in der Praxis vor, und sie unterscheiden sich stark in Aufwand und Wirkung.
Das Dach. Ein begrüntes Dach hält einen Teil des Regens zurück und verdunstet ihn wieder. Es entlastet den Kanal bei kleinen bis mittleren Regenmengen. Bei einem Starkregen ist es schnell gesättigt und trägt dann nichts mehr bei. Ob ein Gebäude ein Gründach tragen kann, hängt von der Statik ab und nicht von der Absicht.
Die Mulde. Eine bepflanzte Vertiefung am Rand einer Straße oder eines Platzes sammelt Wasser und lässt es langsam versickern. Sie ist die sichtbarste Maßnahme und diejenige, die am häufigsten falsch gebaut wird. Eine Mulde mit verdichtetem Boden läuft voll und bleibt stehen. Eine Mulde, die nur als Rasenfläche ohne Vertiefung angelegt wurde, sammelt nichts.
Der Baumstandort. Ein Straßenbaum steht meist in einer kleinen Öffnung mit verdichtetem Boden ringsum. Vergrößert man die offene Fläche und verbessert den Boden, bekommt der Baum mehr Wasser und der Kanal weniger. Diese Maßnahme ist unspektakulär und in der Wirkung oft größer als eine einzelne Mulde.
Die Freifläche. Ein Platz, der Wasser aufnehmen kann, ist meist eine entsiegelte Fläche mit durchlässigem Belag. Hier entscheidet die Nutzung mit: Eine Fläche, die als Parkplatz gebraucht wird, lässt sich nicht beliebig durchlässig gestalten.
Eine Mulde ist noch kein System
Der häufigste Fehler im Umgang mit dem Schwammstadt-Prinzip ist die Verwechslung von Maßnahme und System. Eine einzelne Mulde ist eine Maßnahme. Ob sie etwas bewirkt, hängt an vier Bedingungen.
Der Boden. Wasser muss wegkönnen. Wo Lehm oder verdichteter Untergrund den Weg versperrt, braucht es einen anderen Aufbau, und der kostet Geld.
Die Pflege. Eine Mulde wächst zu, wenn niemand sie pflegt. Verstopfte Einläufe und verdichtete Flächen machen sie binnen weniger Jahre wirkungslos. Pflege ist der Posten, der in der Planung am häufigsten fehlt und im Betrieb am häufigsten gestrichen wird.
Der Platz. Wasser braucht Raum. In einer dicht bebauten Straße ist oft keiner vorhanden, und dann bleibt nur die Variante unter der Fahrbahn, die teuer und aufwendig zu warten ist.
Das Eigentum. Dach, Hof und Vorgarten gehören unterschiedlichen Personen. Eine Maßnahme, die mehrere Grundstücke betrifft, braucht eine Vereinbarung, bevor sie gebaut wird.
Dazu kommt eine Frage, die in der Planung manchmal untergeht: Wer haftet, wenn eine Mulde überläuft? Diese Frage ist nicht technisch, sondern organisatorisch, und sie entscheidet in der Praxis häufiger über die Umsetzung als der Bodenaufbau.
Was Leserinnen vor Ort prüfen können
Vier Beobachtungen brauchen kein Fachwissen und liefern trotzdem brauchbare Informationen.
Wo läuft das Wasser bei Regen hin? Ein Blick während eines Schauers zeigt mehr als jede Karte. Die tiefste Stelle ist der Ort, an dem die Entwässerung nicht funktioniert.
Ist eine Mulde tatsächlich eine Mulde? Ein Blick auf das Niveau: Liegt die bepflanzte Fläche tiefer als der Belag daneben, oder ist sie ebenerdig? Ohne Vertiefung sammelt sie nichts.
Wie sieht der Boden um einen Baum aus? Eine schmale Öffnung mit festem Untergrund bedeutet, dass der Baum wenig Wasser bekommt.
Wer ist zuständig? Straßenentwässerung, Grünflächen und Grundstücke haben unterschiedliche Zuständigkeiten. Die Frage nach der richtigen Adresse ist der erste Schritt, nicht der letzte.
Diese Beobachtungen sind keine Bauanleitung und keine Prüfung. Sie sind eine Grundlage für ein Gespräch, und solche Gespräche sind in Beteiligungsverfahren oft wirksamer als eine allgemeine Forderung.
Eine Grenze, die benannt werden muss
Regenwasser ist kein Trinkwasser. Ein System, das Regen zurückhält und speichert, ersetzt keine Trinkwasserversorgung und erzeugt keine Trinkwasserqualität. Wo Wasser für Pflanzen und Verdunstung genutzt wird, ist das eine andere Verwendung als die Versorgung von Haushalten. Dieser Unterschied wird in der Diskussion über Schwammstädte manchmal verwischt, und er ist wichtig, weil er darüber entscheidet, welcher Aufwand für welche Nutzung nötig ist.
Und die zweite Grenze: Eine Schwammstadt ist kein Hochwasserschutz. Sie kann Wasser verzögert abgeben und die Spitze einer Regenwelle kappen. Bei einem Ereignis, das jede Planung übersteigt, tut sie das nicht. Wer sie als Schutzmaßnahme verkauft, weckt eine Erwartung, die sie nicht erfüllen kann.
Quellen und Hinweise
- Umweltbundesamt: Schwammstadt – Zukunftskonzept für klimaresiliente und lebenswerte Städte, zuletzt aktualisiert am 3. Juli 2024. Trägt das Prinzip des Aufnehmens, Speicherns und verzögerten Abgebens durch Verdunstung, Versickerung oder Wiedernutzung.
- Weitere Materialien des Umweltbundesamts zu klimaresilienten Städten werden hier nicht einzeln zitiert, weil sie für die Aussagen dieses Beitrags nicht zusätzlich nötig sind.
- Dieser Beitrag nennt keine Mengen, keine Kühlgrade und keine Hochwasserschutzquoten. Solche Angaben wären ohne konkrete Anlage und Messung nicht belegbar.
- Der Absatz zum Trinkwasser stellt ausdrücklich klar, dass Regenwasserbewirtschaftung keine Trinkwasserfreigabe bedeutet.
- Die Bilder sind eine gestaltete Szene mit Fotografie, Papierrelief und gemalter Wasserfläche. Sie zeigen keine bestimmte Stadt. Die Beschriftung der Stationen übernimmt das HTML-Diagramm.



