Leben Essay

Das gute Geschirr an einem Dienstag

Manche Dinge werden so sorgfältig geschont, dass sie kaum vorkommen. Eine kleine Betrachtung über schöne Teller und die Frage nach dem richtigen Anlass.

Ein schlichter Porzellanteller mit einer halbierten Birne und einem Löffel steht auf einem Tisch, von links ragt ein rotes Textil ins Bild.
Bild © Lautglanz
Rubrik Leben · Essay

Angenommen, im Schrank steht ein Teller, der nur zu besonderen Anlässen herauskommt. Er ist schön genug, um vorsichtig behandelt zu werden, und offenbar zu schön für ein gewöhnliches Abendbrot. So verbringt er viel Zeit damit, unversehrt zu bleiben. Das ist verständlich, wenn an ihm eine Erinnerung hängt oder Ersatz kaum möglich wäre. Trotzdem lässt sich die Einteilung gelegentlich prüfen. Was genau fehlt einem Dienstag, damit der Teller auf den Tisch darf? Der Gedanke verlangt keinen feierlich gedeckten Alltag. Vielleicht passt auf das gute Geschirr auch ein Käsebrot. Und vielleicht muss der Abend dafür nichts anderes leisten, als überhaupt gerade stattzufinden.

Der Anlass kommt später

Für die Schonung gibt es gute Gründe. Ein Stück kann zerbrechlich sein, es kann ersetzt werden müssen, es kann von jemandem stammen, der nicht mehr da ist. Wer vorsichtig mit Dingen umgeht, macht nichts falsch. Auffällig ist nur, wie selbstverständlich die Vorsicht manchmal in eine Regel übergeht: schön gleich selten. Aus einer Eigenschaft des Gegenstands wird ein Kalender.

Diese Szene ist ausdrücklich hypothetisch. Es gibt keine Umfrage, die belegt, wie viele Haushalte ein Schrankfach reservieren, und diese Redaktion hat keine Küche besichtigt. Es geht um eine Gewohnheit, die vielen bekannt vorkommen dürfte, nicht um einen Befund.

Ein Gegenstand will benutzt werden

Tiefe Ansicht entlang von Teller, angeschnittener Birne und Löffel im selben Licht.
Dieselbe Anordnung aus niedrigerer Kameraposition. © Lautglanz

Der funktionale Teil eines Gebrauchsgegenstands ist nicht seine Schwachstelle, sondern seine Absicht. Ein Teller ist gebaut worden, um etwas zu tragen. Wenn er das nie tut, bleibt von ihm vor allem seine Verletzlichkeit übrig.

Dass dieses Argument keine Erfindung unserer Zeit ist, lässt sich an einem Beispiel aus einer Museumssammlung zeigen. Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg beschreibt in seinem Rundgang durch das erste Obergeschoss unter anderem eine Zuckerdose aus dem Mokkaservice „Melone" von Josef Hoffmann aus dem Jahr 1929. Das Museum formuliert dort den Gedanken, dass Kunst in funktionalen Objekten Platz im Alltag finden soll. Das ist die Deutung des Museums, und sie betrifft ein historisches Objekt, das dort in der Sammlung steht. Sie ist kein Beleg dafür, wie jemand heute mit einem eigenen Schrank umgehen sollte.

Schonen hat seine Gründe

Wer einen Teller selten benutzt, hat manchmal gute Gründe, die nichts mit Vorsicht zu tun haben. Manche Formen sind unpraktisch. Manche Stücke passen nicht in die Spülmaschine. Manche erinnern an eine Person, und an einem Dienstag möchte man nicht unbedingt an sie erinnert werden. Das sind keine Fehler in der Haushaltsführung, sondern Abwägungen.

Es lohnt deshalb nicht, die Schonung pauschal zum Problem zu erklären. Interessanter ist die Frage, ob die Entscheidung noch bewusst getroffen wird. Ein Gegenstand, der wegen einer konkreten Sorge im Schrank bleibt, ist anders gelagert als einer, der dort bleibt, weil er dort immer war.

Dienstag reicht vielleicht

Man kann die Schwelle senken, ohne gleich eine Regel daraus zu machen. Der Teller darf auf den Tisch, wenn der Abend nichts weiter vorhat. Wenn er dabei zu Bruch geht, ist das ein Verlust, aber kein Urteil über den Abend. Und wenn er heil bleibt, hat er einen Dienstag mitgenommen, der sonst ohne ihn stattgefunden hätte.

Vielleicht bleibt er danach wieder im Schrank. Das wäre kein Rückfall, sondern eine Entscheidung, die diesmal getroffen wurde.

Quellen und Hinweise

  • Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg: Rundgang, 1. Obergeschoss, Abschnitt zur Zuckerdose aus dem Mokkaservice „Melone". Die Seite nennt das Objekt und die Deutung des Museums; sie ist keine allgemeine Aussage über Wohlbefinden oder über den richtigen Umgang mit Geschirr. Kein Datum auf der Seite, deshalb wird hier keines genannt.
  • Die Überlegung zum Anlass, zum Dienstag und zur Schwelle ist der Argumentationsgang dieses Beitrags. Es gibt dazu keine Erhebung, und es wird keine behauptet.
  • Der Beitrag zeigt keinen Nachbau des Mokkaservices „Melone". Das Bild ist eine gestellte Stilllebenaufnahme mit einem schmucklosen Teller dieser Redaktion.